Für so manchen selbst ernannten Star von heute ist es geradezu in zu brüllen:
„Hilfe holt mich hier raus, ich bin ein Star!“. Nicht so für die Teilnehmer
des 4. Paralympischen Jugendlagers der Deutschen Behinderten - Sportjugend (DBSJ)
vom 16.-29.09.2004 in Athen. Sie fanden es toll im Jugendlager und viele wären
gerne länger geblieben. Ein voller Erfolg für die Organisatoren, denn keiner der
Teilnehmer schrie: „ Hilfe holt mich hier raus!“.
Nach Barcelona, Atlanta und Sydney war Athen 2004 nun das 4. Jugendlager der DBSJ
und erstmals ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, diesem Lager ein wenig
den angestrebten internationalen Charakter zu ermitteln. Mit Österreich und der
Türkei konnten zwei weitere Nationen zur Teilnahme bewegt werden.
Auch wenn bei diesem Schritt noch einiges der Improvisation unterlag und es für
alle Beteiligten ein Lernprozess war, so war die einhellige Meinung: In Peking
sind wir erneut dabei und müssen darüber hinaus weitere Nationen zur Teilnahme
überzeugen. Für die teilnehmenden Jugendlichen kann dies nur zum Vorteil sein und
die DBSJ bekommt weitere Mitstreiter in ihrem Bemühen ein offizielles
“Internationales Paralympisches Jugendlager des IPC (Internationales Paralympisches
Komitee)“ zu verwirklichen.
Bewerben und teilnehmen am Paralympischen Jugendlager in Athen konnten sich
Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, die sportliche Erfolge nachzuweisen
hatten oder sich als „soziale Talente“, ehrenamtliches Engagement in der
Jugendarbeit des Behindertensports, erwiesen. Außerdem standen - nach den sehr
guten Erfahrungen vom letzten Jugendlager in Sydney 2000 - wieder Plätze für
nichtbehinderte Jugendliche aus anderen Spitzenverbänden des Deutschen Sportbundes
zur Verfügung.
Beim Vorbereitungstreffen im Mai in Köln sahen sich die 42 Jugendliche, darunter
vier Jugendliche ohne Behinderung und ihre Betreuer erstmals. In spielerischer
Form lernte man sich kennen, erfuhr in Beiträgen und Referaten vieles über die
Geschichte Olympias und die Paralympics. Als dann nach 2 Tagen die offizielle
Einkleidung an die Teilnehmer verteilt wurde, war die Vorfreude und die Erwartung
auf die Abreise im September bei den meisten sehr groß.
Die Reaktionen der Teilnehmer auf dieses Seminar waren überaus positiv, was sich
in den Tagen danach aus E-Mails, SMS oder Anrufen ableiten ließ. Eine tolle Gruppe
hatte sich gefunden und einige wären gerne zu einem weiteren Vorbereitungsseminar
gekommen. Aber alle mussten sich bis zum 16.September gedulden, bis es von
Frankfurt aus nach Athen ging.
Athen ist nun einmal alles andere als behindertenfreundlich und darüber hinaus noch
eine behindertengerechte und bezahlbare Unterkunft zu finden, hatte sich in der
über 14monatigen Vorbereitungszeit als äußerst schwierig erwiesen. Am Ende wurde
ein Kompromiss geschlossen und ein kleineres Hotel in Glifada, im Süden Athens,
als „Basis des Jugendlagers“ gewählt.
Die teilweise bis zu zweistündige Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum
Olympia Stadion, wurde von den Teilnehmern sehr schnell als hinnehmbar akzeptiert
und die Zeit zum Einüben der Anfeuerungsrufe- und Gesänge für die deutschen
Athleten genutzt. Für die griechischen Fahrgäste oft etwas gewöhnungsbedürftig,
aber da sie König Otto ja schon mit Hochachtung den `verrückten Deutschen` nannten,
bestand die kleine Hoffnung, dass dieses Attribut auch auf die lautstarken
Jugendlagerteilnehmer übertragen werden konnte.
Aber nicht nur das Anfeuern der Athleten und der Besuch der Wettkämpfe war Ziel des
Paralympische Jugendlagers.
Die Deutsche Behinderten - Sportjugend knüpft an die Ziele des Olympischen
Jugendlagers des IOC an und möchte neben dem Sport, den Teilnehmern Land und Leute,
Kultur und Geschichte näher bringen.
So standen Besuche der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Athen und der
Ausgrabungsstätte in Korinth und Epidaurus auf dem Programm. Ein Besuch der
Deutschen Schule in Athen gab einen interessanten Einblick in das Schülerleben
dieser Schule und die teilweise sehr hohen Anforderungen, die insbesondere den
einheimischen Jugendlichen abverlangt werden, um an dieser Schule erfolgreich zu
bestehen.
Langfristig setzt die DBSJ mit ihrem Jugendlager auf einen Motivationsschub ihrer
Teilnehmer, der sich nach zwei Richtungen hin positiv auswirken soll:
So sollte einerseits den sportlich leistungsorientierten Jugendlichen durch den
Besuch der Wettkämpfe und die persönlichen Treffen mit ihren sportlichen Vorbildern
ein Anreiz gegeben werden, in den nächsten Jahren noch intensiver zu trainieren,
um ihren Traum von der aktiven Teilnahme an den nächsten Paralympics zu
verwirklichen. Bei entsprechender Eignung werden sie nach den Paralympics zu
Nachwuchs- bzw. Leistungslehrgängen der DBSJ und des Deutschen
Behindertensportverbandes (DBS) e.V. eingeladen.
Diejenigen aber, die andererseits ihre Freude mehr an breitensportlichen
Aktivitäten haben oder sich aktiv in der Jugendarbeit in ihrem Verein oder
Landesverband engagieren wollen, soll das Erlebnis Athen dazu dienen, andere
Jugendliche anzusprechen und sie in die Vereinsarbeit zu integrieren. Weiterhin
werden sie - wie bereits praktiziert - auch zukünftig zu Lehrgängen der DBSJ
eingeladen, wo sie ihre Fähigkeit als `soziales Talent` einbringen können und
speziell für ihre Aufgaben geschult werden.
Neben den täglichen Besuchen verschiedenster Wettkämpfe und Sportarten, waren für
viele Jugendliche die Begegnungen mit deutschen Athleten in den Stadien, im
Paralympischen Dorf oder bei gemeinsamen Empfängen und Treffen die Highlights.
Ein besonderer Höhepunkt war für alle der Besuch des Bundespräsidenten, der sich
sichtbar wohl unter den Teilnehmern des Jugendlagers fühlte, zu den Jugendlichen
und Betreuern ging und das Gespräch mit ihnen suchte.

Er ließ einen anderen Besuchstermin verstreichen und musste von seinem Begleittross
mehrfach daran erinnert werden, doch wenigstens den nächsten Termin wahrzunehmen.
Und dass dieses Treffen auch anscheinend für ihn ein besonderes Erlebnis war, unterstrich
er mit einer Einladung an die deutschen Teilnehmer zu sich nach Berlin. Daraufhin
waren ihm einige “Laola - Wellen“ sicher, an denen er sich auch beteiligte.
Ein Staatsoberhaupt, offen, locker und sympathisch, was bei allen Anwesenden dieses
Treffens einen anhaltenden Eindruck hinterlassen hat.
Die zu Beginn erwähnten `Anfeuerungstrainingszeiten für Gesänge und Laola` in
Straßenbahnen und Bussen, hatten also ihren Zweck erfüllt und wurden auch in einem
ARD Fernsehbeitrag über die deutschen Sitzvolleyballer eingeblendet und erwähnt.
Aber auch ARD Radio und einige Zeitungen fanden es wichtig, über das Paralympische
Jugendlager und seinen speziellen Auftrag zu berichten.
Für die Teilnehmer und die Organisatoren der Deutschen Behinderten - Sportjugend
stand natürlich am Ende der Veranstaltung in Athen fest: Peking wir kommen.
Und auch dann wird bestimmt wieder keiner schreien: „Hilfe holt mich hier raus“,
sondern viel eher wird zu erwarten sein, dass viele rufen, „ Hilfe, ich will auch
hinein!“
Norbert Fleischmann
Eine
Bildergalerie zum PJL 2004 Athen
ist nun auch verfügbar.